Wer ist hier domestiziert?

Die Domestikation ist immer ein tendenziell unklares Lebensverhältnis. Es ist schwer verbalisierbar und für die Mitteilung an andere nicht geeignet, dafür aber um einen gemeinsamen Lebenskontext zu gestalten.

Dieser Lebenskontext ist durch mehrheitlich externe Faktoren, biologische Veränderungen und intrinsisch gewordene Weltanschauungen erkennbar. Also Weltanschauungen die nicht bereits dem Säugling geläufig sind, sondern die er in seiner Lebenspraxis erwirbt. Domestikation ist höchst vielfältig und schwer zu abstrahieren.

Besonders, wenn man sie selbst erlebt.

Was ist hier mit ‚domestiziert‘ gemeint? Das zahme Pferd welches vom Tarpan zum Reittier wurde? Die Tomatenpflanze, die große, rote Früchte trägt, die sie selbst nicht braucht? Auch!

Aber wir wechseln den Blickwinkel weg von einer religiösen Erzählung über die sinnstiftende Dominierung des Menschen über andere Spezies und Pflanzen. Domestiziert sind nämlich diese – menschlichen Tiere -, auch. Denn die Domestikation ist ein umfassender Vorgang. Und geht auch an Menschen nicht spurlos vorbei.

Manche mögen nun sagen: „Domestikation sei doch lediglich der Vorgang des Menschen ein Tier oder eine Pflanze zu trainieren und selektiv zu züchten! Der Mensch selbst ist der Domestizierende, er bringt andere bis hin zur völligen Abhängigkeit und maximalen Nutzbarmachung in seine Gewalt. Er selbst aber steht unter keiner Gewalt, nicht einmal der Gewalt der Natur.“

Ich betrachte solch eine Perspektive als ein: wenig übersichtliches Weltbild.

Denn in diesem Weltbild wird ein in Domestikation geborener Mensch über die Zustände Anderer in seinem Einfluss urteilen.Und er wird sie in einer von ihm ganz verschiedenen Domestikation gefangen sehen. Dadurch vergisst er den rückwirkenden Einfluss auf sich selbst und unterschlägt damit eine immense Wechselbeziehung, sowie seinen eigenen domestizierten Lebenskontext.

Und gerade als ich dies schreibe kommt Jala, die fünfzehnjährige Hundedame unter dem Tisch hervor und beginnt interessiert in die Luft zu schnuppern. Vorbeigehende grinsen uns an. Ein manchmal einseitiges, manchmal aufrichtig freudiges, teilendes Lächeln.
Jala kommt nicht mehr zur schlafenden Ruhe. Wirkt zielgerichtet wach. Sie wirft mir Blicke der Vorfreude zu, denn sie ist wild und wird mich überreden von meinem domestizierten Stuhl aufzustehen und mich zugleich von meiner fabelhaft domestizierten Stille des Schreibens zu befreien. Wir laufen hinaus und galoppieren nebenher. Ich springe auf Steine die eigentlich nur der Ästhetik dienen und balanciere während Jala einen interessanten Geruch wahrnimmt. Wir beäugen zwei Männer die lächelnd an uns vorbei gehen und schlagen einen anderen Weg ein, um nur wenige Minuten später in einem herrlichen Laufanfall über die Wiese genau zwischen diese beiden Menschen zu springen. Obwohl sich der eine erschrickt und : „Unfassbar!“, murmelt lächelt er uns zu. Die Freude der Wildheit in einer ganz eigenen, ganz kleinen, domestizierten Wissenschaftsroutine ist zu ihm durchgebrochen. Beide unterhalten sich nun angeregt laut und ich säusle allmählich Jala meinen Plan von der Rückkehr an den Schreibtisch zu. Sie hört mich, auch wenn sie mich noch zu zwei kleinen Abenteuern überreden wird, ehe meine Schreiblust überhand gewinnt. Ich spiele einen unfairen Vorteil gegen sie aus und greife in das Brustgeschirr. Ihr Blick wird ruhiger und introvertiert. Sie überlegt einen Moment ob es eine andere Möglichkeit gäbe, mich zu etwas neuem, viel spannenderem zu überreden. Dann nimmt sie mein Angebot zu einem wilden und lustigen Wettrennen zurück auf. Nun liegt sie wieder da, bei meinen Füßen unter dem Tisch, dort, wo es heute in der Universität am kühlsten und gemütlichsten ist. Insgeheim vermute ich, dass sie nur darauf wartet wieder mit mir aus unser beider Domestikation zu entgleisen. Ich hege keinen Zweifel daran, dass die Domestikation unser beider Lebensumfeld ist, ebenso wie die Wildheit in uns.

Sind wir mutig! Mutmaßen wir! Ich mutmaße, dass wir in der Domestikation durch unsere gegenseitige Unterstützung immens große gemeinsame Privilegien und Pflichten entwickelt haben. Wer ein braver und stummer Hund ist, ist auch ein braves und stummes Kind, höflich, nicht frech, angepasst und dabei insgeheim startklar für alle Anforderungen, die die Welt an sie stellt. Man könnte ja sagen, manche träumen von diesem Idealbild in anderen Menschen, besonders Kindern, ebenso wie in ihrem Hund.

Auch die Rechte gleichen sich immer mehr an, der Hund wird geschützt, wie ein Mensch das wird. Auch wenn es noch schwer ist vom Tierschutz zum Tierrecht zu wechseln.

Das Pferd hat es oft schon geschafft als Lebewesen ohne Fleischesnutzen für unseren Geschmack ‚gemacht‘ zu werden. Nein, ein Pferd ist eher zum Reiten ‚gemacht‘. Immerhin, ein Schritt. Jetzt etablieren wir gerade mehr und mehr Bewusstsein um die religiöse, landwirtschaftliche und gewinnorientierte Distanz von Mensch und Nutztier aufzulösen. Eine Distanz, die Religion, Wissenschaft und Kapitalfluss zu einer Weltanschauung gemacht haben um ihre eigenen Ziele zu erreichen.

Im vertrauensvollen Rahmen der Domestikation, ein Rahmen der Annäherung aneinander und an sich selbst, können wir durch mehr Wissen und weniger Ängste und Zwänge nicht nur überdenken wie wir mit Behinderten, Ausgegrenzten, Kindern oder Alten umgehen wollen, welches Leben wir Ihnen ermöglichen und zusprechen. Diese Domestikation bedeutet gemeinsame Beratschlagung, Beeinflussung und Sozialität, Kultur und Fähigkeiten. Wir tun auch dergleichen endlich wieder mit nicht-menschlichen Tieren. Wir teilen und kollaborieren wieder mit denen, die uns so nahe sind und so eng verwoben mit uns domestiziert wurden.

Der Domestikation ausgeliefert und dabei ihren gemeinsamen Privilegien zugänglich.

Haben ihre Eltern Medizin genossen? Haben die Eltern ihres Haushundes Medizin genossen? Hat jemand in ihrer Ahnenreihe durch die Kraft eines arbeitenden Pferdes überlebt? Hat ihr Pferd durch die Kraft seiner Mutter und das Wissen und den geborgenen Rahmen einer Herde überlebt? Wie eng verwoben sind unsere Schicksale gegenseitiger Abhängigkeit und Unterstützung?
Wie domestiziert ist eine auf der eingezäunten Weide stehende Gruppe Pferde, Ziegen oder Kühe? Wie domestiziert sind auf Agility-Plätzen tummelnde oder für die Menschensuche arbeitende Hunde, die bei der nächstgelegenen Leckerlie-Tasche einkaufen gehen? Wie domestiziert sind Menschen die all das, was sie für ihr Leben brauchen, nicht einmal mehr in ihrer Vorstellung erarbeiten und herstellen können, da all das Wissen, und damit auch alle unnötige Mehrarbeit in die technische Verarbeitung ausgelagert wird oder in eine wirschatflich schwächere Dritte Welt (oder nur an die Ungarn)? Stattdessen kauft dieser Mensch alles Notwendige bei einem milliardenschweren und Mensch wie Tier verachtenden Riesenkonzern ein. Selbst wenn man vom Bio-Bauern konsumiert – Elektronik, Geld und Bankomaten, Flugzeuge, Tupperware bleiben – Arbeitsteilung, Arbeitsreduktion durch den Einsatz von Maschinen, Technik und Logik.

Wie domestiziert sind Wir eigentlich wirklich? Und was bedeutet das? Können wir es annehmen?

Was geschieht also da, wo ein nicht-menschliches und ein menschliches Tier, beide in Domestikation aufgewachsen, einander begegnen?

Haben sie gemeinsame Normen? Wie lange leben sie beieinander? Tragen sie unterschiedliche oder ähnliche Traumen? Verwenden sie überlappende Kommunikation? Oder haben sogar eine gemeinsame Sprache entwickelt? Welche Pflichten und Privilegien erfüllen und genießen sie beide? Soziale Normen und Zwänge, wie sieht es da aus? Rechte? Rechte von Geburt an?

In einer provokanten, domestizierten Welt kann ich schwer mitteilen wie das domestiziert sein für mich ist, im Vergleich zum Wildtier-Sein. Denn schließlich bin ich kein Wildtier, woher soll ich denn auch? Oder etwa doch? Ein bisschen noch, in mir drin?

Ja, ich male es mir schon aus! Früher dachte ich, Hunde, Katzen und Pferde müsste ich nach „natürlichen Prinzipien“ behandeln. Ich dachte, was ich, ein domestizierter Mensch, als natürlich sehe, ist gut, fair, verständlich. Ich sehe ja auch die Natur so wie sie wirklich ist! Traumhaft! Das einzig Wahre eben.

Doch ich bemerkte, was andere Menschen als natürlich und gut sehen, kann für mich völlig verkehrt sein und für meine Tiere. Schläge zum Beispiel. Scharfe Worte, Normen der Gesellschaft an die nicht einmal ich einen Sinn knüpfen kann. Kein lebensorientierter Sinn, nur ein Sinn der Angepassten. Nicht aufzufallen, brav zu sein, die richtigen Entscheidungen zu treffen, also die, die jemand anders für einen trifft – das schien die halbe Miete jeder guten Leistung.

Ich bin immer noch Gesellschaftstauglich, ich bin immer noch sozial, obwohl es den Punkt gab, an dem ich entschied: Es geht ja gar nicht um die Prinzipien der Natur, es geht um die Prinzipien einer Welt! Einer ganzen Weltanschauung, einer Moral, einer Gesellschaft, auch einer Tier-Gesellschaft. Wenn ich strenger zu den Tieren war, waren sie auch strenger untereinander.

Und plötzlich wurde mir gewahr: Auch ich bin domestiziert, geprägt! Bin ganz anders als „nur ich“. Trotz vieler Monate in der Wildnis beim Wandern und Survival Training: Ich bin nicht nur Ich.

Ich kann aber Wünsche und Belange meines Ich-Seins zurück-gewinnen, auch in Situationen, die mich herausfordern. Ich kann die Welt als eine annehmen, die meine Wahr-nehmung verlangt und die möchte, dass ich sie schule und nütze. So bin ich nicht aufgewachsen, so wurde ich von der Natur meiner Eltern aus nicht erzogen, auch wenn sie es begünstigt haben in mancher Hinsicht.

Aber ich bin dort angelangt. Und ich habe den Weg nicht alleine gemacht …


Vor langer langer Zeit … Der Beginn einer Reise zu Uns Selbst, egal ob in ‚Wildnis‘ oder Domestikation

Domestizierte Tiere befinden sich „zu“ oft in denselben Situationen wie unterdrückte Kinder. Sie haben einen ähnlichen Stellenwert, auch wenn der Nutzen oft in eine unterschiedliche Richtung geht.

Meist scheint es „am natürlichsten“ für denjenigen der gerade jemand anders domestiziert oder lehrt, wenn er in seinem eigenen Interesse handelt und den Anderen oder Andersartigen in diesem Interesse mit-nimmt oder mit-zwingt. Nichts anderes verkaufen uns die allermeisten Natürlichen Umgangsformen mit Tieren.
Das führt dazu, dass die Domestizierten darunter verschlungen werden, sich aufgeben, sich nicht kennen lernen, nicht gesehen oder gehört, dass sie lernen, es sei normal diesen Regeln zu folgen, die einen Selbstwert ausschließen. Und sie übernehmen dieses angelernte Verhalten und geben es allen, die danach fragen, zurück.

Im Grunde kann der Domestizierende nicht wirklich gut sehen wen er etwas lehrt und wie er formt, wenn es bei einem einseitigen Verhältnis bleibt.

Das alles Dank einem verzerrten Bild von Natur und Domestikation. Von der bösen Wildheit und den brutalen, verpflichtenden Gesetzen der Wildnis.

Kein in Wildnis lebendes Elterntier maßregelt seine Jungen mehr als nur irgend notwendig. Sie sollen stark und stolz, groß und selbstsicher werden. Eine Domestikation WÄRE dazu in der Lage mit diesen Individuen umzugehen, sie zu integrieren und einander näher zu bringen, solange man das Miteinander-Sein-Wollen und -Können teilt oder teilen lernt. Es ist nie alles so wie ein einziger Mensch will. Oder ein einziger Hund.

Es ist eine GEMEINSAME Arbeit, die eigene Domestikation innerhalb der Generation in der man lebt zu verändern, zu prägen, neu zu entwerfen und neu anzuwenden.

In meiner Generation ist es Zeit geworden dieselbe Rolle und Prägung bei domestizierten Tieren zu sehen. Ja, sogar den Menschen als menschliches Tier wieder zu begreifen.

Und daraus lernen wir vielleicht auch etwas über den verzerrten Begriff der Natur und über das paradiesische Bild unserer Vorstellungen. Diese Vorstellung nennen wir „in Wildnis leben“ und sie kann momentan noch sehr viele unwürdige Umgangsformen unseren nicht-menschlichen Tierkollegen gegenüber rechtfertigen.

Aber … Ob es diese Wildnis noch gibt? Wissenschaftliche Untersuchungen sagen: Bald nirgends mehr.
Ob wir wieder Flächen an die Wildnis zurück geben sollten? Aus ökologischen, biologischen, egoistischen und ethischen Gründen: Ja.

Aber ob wir deshalb von allen nicht-menschlichen Tieren entweder als von der Wildnis unterworfene Egoisten-Schweine oder als domestizierte, am besten klein gehaltene Schatten unserer eigenen Ideen und Ziele denken sollten? Nein! Nein! Nein!

Manchmal ist es für mich noch leicht eine Ja oder Nein Antwort zu finden. Sehr selten. Aber hier und jetzt auf diese Frage schon.

Die Domestikation ist immer ein tendenziell unklares Lebensverhältnis. Es ist schwer verbalisierbar und für die Mitteilung an andere nicht geeignet, dafür aber um einen gemeinsamen Lebenskontext zu gestalten.

Wir gestalten Jetzt.

Danke fürs Lesen.

Gruß,

Lisa

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